Das Landleben ist charakteristisch fur Russlands unermessliche Weiten. Es steht im Mittelpunkt von Simon Broughtons musikalischer Reise, in der russische Volksweisen, Werke von Tschaikowsky, Mussorgski, Stravinsky, Prokofiev sowie Schostakowitsch mit beeindruckenden Bildern und pragnanten Aussagen von Zeitzeugen verknupft werden. Es spielt das Kirov-Orchester unter seinem kunstlerischen Leiter Valery Gergiev. "Die russische Musik spiegelt das Wesen des Landes wider", sagt der russische Stardirigent. "Genauso wie das Land kann seine Musik gro?artig, gefahrlich und spektakular sein - aber nie langweilig."
Die Bedeutung der russischen Volkslieder
Viele russische Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts hatten ein starkes Interesse an den Volksliedern, die daher zu einem wesentlichen Charakteristikum des Nationalstils wurde. Michail Glinka (1804-1857), Vater der russischen Kunstmusik, sagte einmal: "Die Musik entsteht im Volk. Wir Komponisten bringen sie nur in eine Form." Mit dem Hochzeitschor in seiner im November 1836 uraufgefuhrten Oper "Das Leben fur den Zaren", die erste bedeutende russische Oper uberhaupt, griff er erstmals ein Folklore-Element auf. Auch in seine 1848 komponierte "Kamarinskaja" floss Liedgut aus dem Volk ein. Neben Mussorgski, Kjui, Rimski-Korsakow und Borodin gehorte Mili Balakirew (1837-1910) zur "Gruppe der 5", die eine Erneuerung der russischen Kunstmusik durch die Einbeziehung von Folklore anstrebte. "Durch die Verwendung von Volksmusik bringen die Komponisten die Schatze der Nationen zum Klingen", lautete Balakirews Credo. 1860 reiste er die Wolga entlang und sammelte vor Ort Volksmusik. Vom Einfluss des alten russischen Liedguts zeugt seine Tondichtung "Russ". Wie Balakirew begannen sich mit der Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 viele Kunstler fur Folklore zu interessieren. Maler, Schriftsteller und Komponisten entdeckten die Landbevolkerung fur sich.
Russische Lieder in der Erde verwurzelt
Die Wurzeln der russischen Nationalmusik sind im bauerlichen Alltag zu finden. "Die russischen Komponisten fuhlten sich zu den einfachen Menschen hingezogen", so Valery Gergiev. "Das Dorf war die Seele Russlands. Das Land hat uns auch geistig ernahrt. Dort sind die verschiedenen russischen Musikstile und Lieder entstanden", meint der Sanger und Musiker Sergej Starostin. Das Dorf bildete eine eigene Welt, eine Parallelwelt neben der Stadt, wobei auch St. Petersburg um 1900 noch ein halbes Dorf war. Bis ins 20. Jahrhundert hinein war Russland eine bauerliche Gesellschaft. Vor der russischen Revolution wurden mehr als 80 Prozent der Bevolkerung auf dem Land geboren. Erst in den nachfolgenden Jahrzehnten setzte allmahlich eine Verstadterung ein. Der dorfliche Alltag orientierte sich an den Jahreszeiten. In diesem Zusammenhang ist auch Igor Stravinskys 1913 uraufgefuhrter "Sacre du Printemps" zu sehen. Das dorfliche Russland und die Naturgewalten, denen die Menschen ausgesetzt waren, sind seine Themen.
In dem Ma?e, wie die stalinistische Kollektivierung das Dorf zerstorte, gingen die geistigen Wurzeln auch in der Musik sowie russischen Liedern verloren. Doch trotz staatlich verordneter Kulturpolitik uberlebte die russische Folklore. Heute befasst sich das Moskauer Pokrovsky-Ensemble nicht nur musizierend, sondern auch wissenschaftlich mit der authentischen Volksmusik des Landes.
Valery Gergiev und das Mariinsky-Theater
Er gilt weltweit als einer der profiliertesten Dirigenten, ein charismatischer Maestro, der nicht nur am Pult, sondern auch als Manager Gro?es fur sein Haus und sein Orchester geleistet hat. Seine Verpflichtungen als Erster Gastdirigent der New Yorker Met und der Rotterdamer Philharmoniker belegen sein internationales Renommee. 1953 als Sohn eines kaukasischen Offiziers geboren, studierte Gergiev Klavier und Dirigieren in Leningrad. Seine steile Karriere begann 1977 in Berlin bei Herbert von Karajans Dirigentenwettbewerb. Gergiev war Chefdirigent des armenischen Staatsorchesters und des Kirov-Kammerorchesters, bevor er 1995 die kunstlerische Leitung von Orchester, Oper und Ballett des Mariinsky-Theaters ubernahm. Dass das traditionsreiche Haus heute wieder in einem Atemzug mit der New Yorker Met oder der Mailander Scala genannt wird, ist ganz wesentlich sein Verdienst.
Das 1860 gegrundete Mariinsky-Theater gilt neben dem Moskauer Bolschoi-Theater als die bedeutendste Buhne Russlands und zugleich als eines der schonsten Opernhauser der Welt. Benannt nach der Gattin des Zaren Alexander II., Gro?furstin Maria, zog es schon im 19. Jahrhundert beruhmte Tanzer und Sanger aus ganz Europa an. 1862 wurde hier Verdis "Macht des Schicksals" uraufgefuhrt, eine Reihe von Opern gro?er russischer Komponisten wie Borodins "Prinz Igor" oder Tschaikowskys "Pique Dame" folgten. Nachdem das Theater des Zaren im Zuge der Revolution von 1917 verstaatlicht worden war, blieb es zunachst namenlos. 1937 erhielt es dann den Zusatz "Kirov" - zu Ehren des ermordeten KP-Fuhrers Sergej Mrionowitsch Kirov. Seit 1992 darf es wieder seinen ursprunglichen Namen fuhren.